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Wie man Ausländer wird – Von Sieglinde Geisel

In seiner Kindheit sei seine fremde Herkunft für ihn nie ein Problem gewesen, schreibt Navid Kermani in seinem Buch «Wer ist wir?».

Dass zu Hause, in der religiösen iranischen Arztfamilie, eine andere Welt auf ihn wartete als in der Schule, sei selbstverständlich gewesen. Seine ersten Erfahrungen mit Fremdheit habe er im Fussballverein gemacht. Es war keine ethnische, sondern eine soziale Fremdheit: Hier lernte er zum ersten Mal Kinder aus den unteren Gesellschaftsschichten kennen. Ausländer werden sei ein Prozess, so Kermani: «Erst seit einigen Jahren werde ich dauernd gefragt, als was ich mich empfinde – als Deutscher oder Iraner, als Europäer oder als Muslim. Irgendwann beginnt man tatsächlich darüber nachzudenken.»

Navid Kermani hat sich mit Reden und Artikeln (auch in der NZZ) als eloquenter Vertreter des aufgeklärten, gebildeten Islam profiliert. «Ich trage die Widersprüche ja selbst in mir, und wenn ich etwas sage, stellt sich in meinem Kopf der Einwand meist von selbst ein» – doch mit diesem Abwägen und Differenzieren gehe man in Talkshows rasch unter. Seine Rolle sieht der Schriftsteller und Islamwissenschafter zwiespältig. So widerstrebe es ihm, den Islam verteidigen zu müssen, denn er habe als Autor eine kritische Haltung, auch zum Islam. Von wohlfeilen Distanzierungen wiederum, wie sie gern gefordert werden, hält er auch nichts: «In dem Augenblick, in dem ich mich distanziere, billige ich dem Gegenüber das Recht zu, mich zu verdächtigen.»

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