Je trauriger die Musik, desto glücklicher der Mensch: Ein kollektiver emotionaler Ausbruch steht den Finnen, wenn bis zu 150.000 melancholisch bis heitere Besucher beim Tango-Festival auf der Straße tanzen und an die Wurzeln ihrer Nationalmusik erinnern. Herrlich abgedreht – es gibt sogar Tango-Sheriffs.
Es gibt ein wundersames Land, irgendwo jenseits des großes Ozeans, von Blumen übersät, ein Land, wo in den Armen der Liebsten alle Sorgen im Winde verwehn. Doch dieses Märchenland, das die Finnen in ihrer Nationalhymne “Satumaa” besingen, ist unsagbar fern: “Ich bin ein Gefangener der Erde/ Nur in Gedanken gelange ich dorthin.”Jenseits des weiten Meeres liegt auch Argentinien. Dort tanzt man Tango – den ursprünglich ein Seemann aus Finnland hierher gebracht hat, meint der Regisseur Aki Kaurismäki. Das ist nicht ganz ernst gemeint. Sehr ernst hingegen ist es seinem Volk mit dem Tango.
Es ist fast 100 Jahre her, da scharten sich die Finnen um Detektorenempfänger – die funktionierten auch ohne Strom – um, live aus Paris, dem lasterhaften Tango zu lauschen. Aber tanzen, das traute sich keiner. Bis ein dänisches Paar den Bann löste: Deren Show im “Börs” in Helsinki wurde so beliebt, dass sie viele Jahre im Programm, zunächst aber der Elite vorbehalten blieb. Die Proletarisierung zog sich über Jahrzehnte, der Tango durchlebte Krisen und Hochzeiten – wie die Gründung des internationalen Tango-Festivals “Tango-Markkinat” in Seinäjoki, das die kleine Stadt im Südwesten alljährlich mit bis zu 1500.000 Besuchern in den Ausnahmezustand versetzt. Doch bis zu dieser kommerziellen Blüte sollten mehr als 70 Jahre vergehen.