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Essay: Afrika erkennt sich endlich selbst
Categories: Welt

Von Wolf Lepenies – Nicht nur die Kolonialmächte handelten mit Menschen, auch die Afrikaner versklavten ihre Landsleute. Selbstkritik über diese eigene historische Schuld ist der erste Schritt zu wahrem Selbstbewusstsein

Reden, die wie improvisiert wirken, werden in der Regel besonders sorgfältig vorbereitet. Dies gilt auch für die Rede, die Barack Obama im Parlament von Accra, der Hauptstadt Ghanas, hielt. Der amerikanische Präsident sprach nicht vor den Abgeordneten, er sprach mit ihnen; auch wenn er alleine am Rednerpult steht, führt Barack Obama stets einen Dialog. Er redet ohne Anstrengung, nutzt die Gabe des natürlichen Pathos. In Accra hatte Obama darüber hinaus Heimvorteil – auch wenn sein Vater aus Kenia stammt.

Nicolas Sarkozy hatte keinen Heimvorteil, als er vor zwei Jahren seine “afrikanische Rede” in der Universität von Dakar im Senegal hielt, der ehemaligen Hauptstadt von “Französisch-Westafrika”. “Ich habe das Blut Afrikas in mir”, sagte Obama. “Ich bin ein Freund Afrikas”, versicherte Sarkozy. Obamas Rede war wie ein Fluss, der die Zuhörer mit sich trägt; Sarkozy reihte einzelne Sätze aneinander. Auch wenn sie nicht im Manuskript standen: Ein Ausrufezeichen jagte das nächste. Jeder Satz wirkte wie in Marmor gemeißelt – und fast alle Sätze ließen kalt. Aufgeschreckt wurden die Zuhörer erst, als Sarkozy vom afrikanischen Bauern sprach, der seit Urzeiten im Rhythmus der Jahreszeiten lebe und sich dem Fortschritt verweigere. Den Afrikanern fehlten, so tadelte der Präsident, die Lust am Abenteuer und der Wunsch nach Abwechslung; die Sehnsucht nach der Vergangenheit versperre ihnen die Zukunft.

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