“Die Menschen sind scheiße, nur Gott rettet uns”

Von Jörg Häntzschel – Kirchenlieder mit Punk-Gestus, kein Sex vor der Ehe: zum 500. Geburtstag von Johannes Calvin ein Besuch bei den New Calvinists in den USA.

Wäre es nicht Sonntagmorgen, würde man die Leute vor der schwarz gestrichenen Halle in Seattle für Fans einer Indie-Rockband halten, die auf den Beginn des Konzerts warten. In ihren T-Shirts, engen Jeans und Ironie-Sneakers sehen sie aus, als machten sie was mit Internet oder jobbten neben der Kunsthochschule in einem alternativen Coffeeshop.

Tatsächlich beginnt jetzt im düsteren Inneren eine Band zu spielen. E-Gitarren dröhnen aus den großen Lautsprechern. Doch der Text des Songs, der auf die Leinwand hinter der Bühne projiziert wird, hat nichts zu tun mit den üblichen Rocktopoi. “What can wash away my sin/Nothing but the blood of Jesus./What can make me whole again?/Nothing but the blood of Jesus.” Es ist ein Kirchenlied von 1876, rausgeplärrt im Punk-Gestus. Die Leute auf den Klappstühlen singen dazu mit einer Inbrunst, die aussieht wie Wut. Sie schließen die Augen, ballen die Fäuste oder strecken eine geöffnete Hand in die Luft, als wollten sie Gott aus der Luft pflücken oder ihn empfangen wie mit einer Antenne. Viele Paare sind darunter. Er modisch unrasiert, sie im Vintage-Kleid. Sie halten Händchen, doch sie hatten noch nie Sex.

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