Von Marc Zitzmann – Am 31. Juli scheidet Gerard Mortier, der Direktor der Pariser Nationaloper, aus dem Amt. Es gibt gute Gründe, seine nur fünfjährige Intendanz als eine goldene Ära anzusehen.
Vielleicht wird diese Zeit einmal legendär, wie die Intendanzen von Jacques Rouché (1914 – 1945) und von Rolf Liebermann (1973 – 1980): die fünf Spielzeiten, die der heute 65-jährige Belgier Gerard Mortier die Pariser Nationaloper leitete. Es war eine kurze Zeit, wegen der hiesigen Altersgrenze für öffentliche Direktionsposten von vornherein auf fünf Jahre beschränkt. Aber es war, vielleicht gerade auch deshalb, eine reiche Zeit. Mortiers Vorgänger, Hugues Gall, hatte seit 1995 den Riesenbetrieb, der aus der Fusion des Palais Garnier und der 1989 eingeweihten Opéra Bastille (vgl. Kasten) entstanden war, funktionstüchtig gemacht. Logistik, Finanzen, Publikumsarbeit, Infrastrukturen (namentlich die Totalrenovation des Saals und der Bühnentechnik der Garnier-Oper) – in etlichen Bereichen sind Galls Verdienste beträchtlich. Allein, das Künstlerische lag im Argen. Genauer: die Wahl der Werke, der Dirigenten, vor allem jedoch der Regisseure.
Grosse Dirigenten, subjektive Werkwahl
Mortier schuf in allen drei Bereichen Abhilfe. Er verpflichtete zahlreiche bedeutende Dirigenten, die noch nie oder schon lang nicht mehr das Pariser Opernorchester geleitet hatten: Boulez, Bychkov, Dohnányi, Gergiev, Haenchen, Harding, Hengelbrock, Nagano, Ono, Rozhdestvensky, Salonen, Zender – aber auch Jungtalente wie Philippe Jordan, Vladimir Jurowski oder jüngst Teodor Currentzis. Fünf der Genannten sowie Sylvain Cambreling und Marc Minkowski sollten ursprünglich als «chefs permanents» das Orchester betreuen – das Vorhaben scheiterte namentlich am Widerstand der Musiker gegen Cambreling und Minkowski.