Die chinesische «grosse Mauer» der Zensur steht noch, wird aber zunehmend brüchig
In den achtziger Jahren rief die Kommunistische Partei Chinas zum Kampf gegen die «geistige Verschmutzung» auf. Die gleichnamige politische Kampagne sollte angebliche ideologische Einflüsse des Westens unterbinden und beseitigen. Seither sind zwanzig Jahre vergangen. Gemessen an der damaligen Norm, liessen sich die derzeitigen westlichen Einflüsse sowohl im Bereich der Ideen als auch im Alltagsleben als eindeutig tiefgreifender und nachhaltiger bezeichnen. Obwohl sich seither auch die Grenzen des Akzeptablen verschoben haben, scheint der Zensurapparat Chinas beschäftigter als je zuvor.
Die meisten Chinesen werden bestätigen, dass sich im Vergleich zu damals die politische Kontrolle stark gelockert hat. Die zunehmende Offenheit und Transparenz entspringt einerseits dem Wunsch der Partei nach Globalisierung, anderseits dem dank Internet stark erleichterten Zugang zu Information. Nach chinesischen Angaben benutzen derzeit etwa 200 Millionen Chinesen das Internet regelmässig. Die Partei sieht sich hier mit einem unausweichlichen Dilemma konfrontiert. Einerseits will sie den technologischen Fortschritt und insbesondere die Informationstechnologie fördern, um der wirtschaftlichen und technologischen Entwicklung des Landes zu dienen und die Lebensqualität zu steigern. Andererseits befürchtet sie aber die Erodierung der Dämme, welche die chinesischen Internetbenutzer vor dem vermeintlich verderbenden Einfluss westlicher Kultur und deren falschen Verlockungen, aber auch von unerwünschten politischen Informationen fernhalten sollen.