“Aus Steueruntertanen müssen Bürger werden”

Von Ulf Poschardt – Er ist einer der bedeutendsten Denker Deutschlands und einer der wenigen Philosophen, die über ein nahezu universelles Wissen verfügen. Ein Gespräch mit Peter Sloterdijk über die Affäre Kurras, das Steuerrecht und die Frage, warum jeder dringend sein Leben ändern sollte.

Peter Sloterdijk ist irritiert. Wir sitzen in der Bibliothek des “Elephanten”, des schönsten Hotels von Weimar. Es ist Sonntag, und niemand stört uns. In solchen Kulturhotels, sagt Sloterdijk etwas sarkastisch, seien die Bibliotheken stets die verlassensten Orte. Das kleine, digitale Aufnahmegerät wird kritisch beäugt.

Peter Sloterdijk:

Wie erkennt man, ob das auch läuft?

Welt am Sonntag:

Man muss ganz altmodisch vertrauen.

Sloterdijk:

Na, wenn es so ist. Das bringt uns auch gleich zu dem aus meiner Sicht meistvermissten Intellektuellen unserer Tage: Niklas Luhmann. Dessen kühle Kommentare zum Zustand der Moderne stellten, wie man erst nachträglich begreift, das kostbarste Gut dar, das sich im intellektuellen Leben unseres Landes finden ließ. Er war ein Genie der Reserviertheit gegenüber Aufgeregtheiten. Seinen Auftritt auf der großen Bühne soziologischer Intelligenz zelebrierte er ausgerechnet im Jahr 1968 mit einer kleinen Studie unter dem Titel “Vertrauen. Ein Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität”, worin er demonstrierte, wie man funktionalistische Optiken auf das Allerheiligste des zwischenmenschlichen Erlebens anwendet. Schon früh hatte er eine Verbindung zwischen dem methodischen Zynismus hochgetriebener Theorie und der Anschaulichkeit grenzenloser Belesenheit geschaffen, und auf dieser Wellenlänge sendete er die folgenden 30 Jahre. Heute, wo man im Feuilleton vor allem den soziologischen Goodwill-Theorien applaudiert, fehlt einem Luhmann ganz besonders.

Jürgen Habermas wurde zum 80. Geburtstag auf dem Titel einer großen Wochenzeitung als Weltmacht bezeichnet. Ist das optimistisch oder denkfeudal?

Sloterdijk:

Ungekonnte Superlative sind Niederlagen des Denkens. Ein ganzes Segment der deutschen Presse muss sich in den kommenden Wochen von selbstverschuldeten Peinlichkeiten erholen. Mich lassen solche Titel an Politiker denken, die behaupten, deutsche Interessen müssten am Hindukusch verteidigt werden. Die neudeutsche Großmannssuchtrhetorik hat offensichtlich die jüngere kritische Theorie erfasst.

Passt das zu Habermas?

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