„Dann fiel mir Eva ein“ – Von Martin Mosebach

Der Büchner-Preisträger zählt zu den wichtigsten zeitgenössischen Schriftstellern. In seinen letzten Stunden ist Martin Mosebach auf der Suche nach Eva.

Die glaubwürdige Ankündigung, ich hätte nur noch vierundzwanzig Stunden zu leben, war mir nicht willkommen, denn ich saß an einem Roman, dessen Anfang ich mir mühsam erkämpft hatte, der inzwischen aber schön zu werden versprach, freilich noch viel Arbeit erfordern würde. Auf halber Strecke nach beträchtlichen Anstrengungen aufgeben zu müssen, das gab mir einen Stich; in der Aussicht, dass mir die zukünftige Arbeit dafür erspart bliebe, lag aber auch ein Trost. Das bereits aufgeschlagene Manuskript durfte ich also guten Gewissens wieder schließen. Ein Liebhaber von Fragmenten war ich nie – ich war immer davon überzeugt, dass nicht viel Geist zu einem guten Anfang gehört – im Abschließen liegt die Kunst. Jetzt würde ich also ebenfalls ein Fragment hinterlassen. Dafür sollten andere bisher nicht beglichene Rechnungen nicht offen bleiben. Ich hatte soeben von einem alten Mann gelesen, der unversehens von einer Unruhe befallen worden war, in die Stadt ging und bei mehreren Leuten kleine Schulden bezahlte; am Abend starb er dann, ohne merklich krank gewesen zu sein. Dieser Mann sollte jetzt mein Vorbild sein. Aber das war gar nicht so leicht: die einzigen Schulden, die ich gegenwärtig hatte, bestanden in einem ziemlich hohen Kredit bei der Bank – den jetzt zurückzuzahlen, wäre unmöglich oder zumindest sehr kompliziert, kein Projekt für vierundzwanzig Stunden, es waren außerdem nur noch neunzehn, fünf hatte ich bereits schwerelos durch- und zergrübelt. Und davon abgesehen war ich tatsächlich gerade einmal schuldenfrei, was ich zu bezahlen hatte, beglichen Daueraufträge geräuschlos.

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