«Letztlich werden die neuen Geschichtsbilder aus den Gesellschaften selbst kommen»

Ein Gespräch mit dem Südosteuropa-Historiker Oliver Jens Schmitt über (post)nationale Identitätsbildung im Balkanraum

Wie erfolgreich sind die westlichen Versuche, auf dem Balkan Demokratie und Rechtsstaat zum Durchbruch zu verhelfen? Funktioniert das EU-Modernisierungsprojekt, oder kündigt sich nach der Unabhängigkeit Kosovos eine «Wiedervereinigung» albanischer Siedlungsgebiete an? Mit dem Schweizer Osteuropa-Historiker Oliver Jens Schmitt sprach Andreas Ernst.

Sie sind im Begriff, zusammen mit dem Südostinstitut ein Netzwerk von Forschern ins Leben zu rufen, die sich mit Kosovo beschäftigen. Geht es dabei um intellektuelle Hilfestellung beim «Nation-Building» dieses jungen Staates?

Oliver Jens Schmitt: Nein. Das ist nicht die Aufgabe der Wissenschaft. Identitätsbildung geschieht durch die Debatten, die in Kosovo selber geführt werden. Und gerade dort, wo der Einfluss der «internationalen Gemeinschaft» riesig ist, wäre ein solches Eingreifen der kosovarischen Diskussionskultur abträglich. Aber es gibt ein Spannungsfeld zwischen dem westlichen Forschungsdiskurs und jenem auf dem Balkan. Dabei kommt es immer wieder zur Skandalisierung von Forschungsergebnissen, die dem nationalen Kanon der Länder dort zuwiderlaufen. Die Geschichtsbilder im Balkan sind oft nationalromantisch geprägt, wurden durch den Kommunismus gehärtet und stellen auf gesellschaftlicher Ebene ein Hindernis für die Integration dieser Länder in die EU dar. Dagegen gibt es kritische Stimmen, oft von jüngeren Forschern. Wenn wir diese aus dem Westen zu offensichtlich unterstützen, ist das aber kontraproduktiv. Sie werden als «aussengesteuert» oder als «Verräter» abqualifiziert. Wir müssen den Dialog mit diesen Historikern führen. Aber letztlich werden die neuen Geschichtsbilder aus den Gesellschaften selber kommen. Dieser Prozess ist in Nachkriegsgesellschaften wie Kosovo besonders zäh, in denen der Nationalismus als Überlebensstrategie erlebt wurde. Das Problem ist, dass diese Neubewertungen sehr schnell verlaufen müssen, wenn diese Gesellschaften in absehbarer Zeit erfolgreich in die EU integriert werden sollen.